Der Flughafen im Meer – Londons gescheiterter Mega-Plan
Wer heute an der östlichen Themse steht, hört Möwen, Wind und das leise Brummen von Frachtschiffen. Kaum vorstellbar, dass genau hier einmal einer der größten Flughäfen der Welt entstehen sollte – auf einer künstlichen Insel im Meer. Ein Projekt so groß, dass es selbst für London zu viel wurde.
Die Idee: Londons Luftverkehr neu erfinden
Heathrow, Gatwick, Stansted, London-City, Luton und Southend – zu diesen Flughäfen in beziehungsweise um London fliegen täglich viele Flugzeuge. Vor allem der Flughafen London Heathrow, zugleich der größte der Stadt, gerät bereits seit Längerem an seine Grenzen. Die Vision war radikal: Statt Heathrow weiter auszubauen, wollte man den Flugverkehr komplett aus der Stadt verlagern. Ziel war das Thames Estuary, dort wo die Themse in die Nordsee mündet. Der Plan, populär bekannt als „Boris Island“, versprach:
- bis zu vier Start- und Landebahnen
- Platz für 150 Millionen Passagiere pro Jahr – fast doppelt so viel wie in Heathrow
- 24-Stunden-Betrieb ohne Nachtfluglärm
Kurzum: Ein futuristisches Tor zur Welt – gebaut auf dem Wasser. Oder auch: Eines der verrücktesten Infrastrukturprojekte der britischen Geschichte. Offiziell sollte der Flughafen den Namen „London Britannia Airport“ tragen.
Ein Flughafen auf dem Wasser: Warum London davon träumte
Heathrow ist seit Jahren am Limit. Lärm, Platzmangel und politische Blockaden machen jeden Ausbau zum Dauerkonflikt. Seit vielen Jahren wird der Bau einer dritten Start- und Landebahn diskutiert. Diese soll im Nordwesten des Flughafengeländes entstehen. Doch seit Aufkommen der Idee gab es immer wieder Streit um die dritte Landebahn. Ein Flughafen im Meer schien all das zu lösen: mehr Platz, weniger Anwohner, weniger Widerstand. Zumindest in der Theorie.

Warum der Traum scheiterte
Je genauer man hinsah, desto größer wurden die Probleme. Da wäre beispielsweise die Tierwelt. Das für den Flughafen ausgesuchte Gebiet ist eines der wichtigsten Vogelschutzareale Europas. Etliche Vögel nutzen es regelmäßig als Flugroute. Auch auf dem Wasser hätte es der Airport mit Konflikten zu tun bekommen. Denn die Themse ist eine der wichtigsten und zugleich die zentrale Handelsroute für die Schifffahrt in England. Das dritte Problem lauerte im Boden von Thames Estuary. Im Meeresboden liegen bis heute noch viele Weltkriegsbomben – keine gute Ausgangslage, um dort einen Flughafen auf dem Wasser zu bauen.
Ein zentraler Grund für das Scheitern des Flughafens Thames Estuary waren zudem die astronomischen Kosten für den Bau und die Infrastruktur. Der Flughafen sollte komplett ohne Autos erreichbar sein. Eine Anfahrt sollte über die Bahn erfolgen, jedoch nicht mit der Tube sondern mit dem Fernverkehr. Auch das Wetter hätte dem Flughafen des Öfteren zum Verhängnis werden können. Meteorologen prognostizierten für „Boris Island“ dreimal so viel Nebel als in Heathrow. Erschwerend kam auch eines der größten Flüssiggasterminals der Welt auf der Isle of Grain als Problem hinzu. Flüssiggas und Flugverkehr wären keine gute Kombi gewesen.
Flughafen auf dem Wasser? – Ein mahnendes Beispiel zeigt, welche Gefahren lauern
Die Idee einen Flughafen auf dem Wasser zu errichten hatte London nicht exklusiv. In Asien wurde ein solches Vorhaben tatsächlich bereits einmal umgesetzt. Der Kansai International Airport sollte den Flugverkehr in Japan auf ein neues Level hieven. In den 1990er-Jahren wurde das technische Meisterbauwerk auf einer künstlichen Insel wenige Kilometer vor der Küste in der Präfektur Osaka erbaut. Heute zählt der Kansai Flughafen zu den größten und wichtigsten Japans. Das Ziel ähnelte dem des London Britannia Airports: er sollte den überlasteten Flughafen Itami in Osaka entlasten. Doch der Flughafen hat ein Problem: Er versinkt im Meer. Pro Jahr büst das Mega-Bauwerk zwischen sechs und sieben Zentimeter Höhe ein. Experten warnen davor, dass er ohne Gegenmaßnahmen eines Tages im Meer versinken könnte. Schätzungen gehen davon aus, dass dies bereits im Jahr 2056 oder gar einige Jahre früher geschehen könnte.
In London wären die Herausforderungen noch größer gewesen als in Kansai. Alleine die Gezeiten wären in der Themse stärker als in Japan. Hinzu käme eine stärkere Schifffahrt und nicht zuletzt das im Meer liegende Wrack der SS Richard Montgomery mit Zehntausenden nicht explodierten Bomben. 2014 kam das offizielle Aus für den Londoner Flughafen auf dem Wasser. Zu teuer, zu riskant, zu viele Nebenwirkungen. Was bleibt sind die faszinierenden Gedanken, „Was wäre, wenn..?“
Übrigens: Nach dem Aus für den London Britannia Airport ist der Ausbau des Flughafen Heathrow noch nicht vom Tisch. Bis 2034 soll dort eine dritte Start- und Landebahn entstehen. Streit, Diskussionen und neuer Zündstoff vorprogrammiert.
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